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Philippe Barde

Bone China

2008, Chinesisches Porzellan, Glas

Disparition

2005/2008, Weichporzellan

Bone China

Trifft man Philippe Barde (*1955), scheint alles leicht und einfach. Sein Atelier in unmittelbarer Nähe des Genfer Bahnhofs ist karg eingerichtet. Nur Dinge, die mit seinem gegenwärtigen Schaffen zu tun haben, sind präsent. Das Poster einer Ausstellung Philippe Bardes in Isfahan berührt als rares Erinnerungsstücke und schwingt als poetische Melodie in den Raum hinein. Für die Gäste bereitet Philippe Barde Tee zu, natürlich nicht irgendeinen Tee, sondern einen, den es so nur in einer bestimmten Region Chinas in dieser Fermentierung gibt. Er zerreibt einige getrocknete Teeblätter und riecht mit stiller Zufriedenheit daran, um deren spezielle Qualität zu verdeutlichen. Natürlich sitzt jeder Griff der Teezubereitung, so, als wäre man an einer japanischen Teezeremonie zugegen. In Japan verbrachte er denn auch mehrmals längere Zeit, sowohl als eingeladener Künstler wie als Lehrer. In China wiederum arbeitete er an einem Projekt, welches die industrielle keramische Produktion erneuern sollte, letztlich aber an den divergierenden Ansichten über Traditionen scheiterte.

An der 3. World Ceramic Biennale 2005 in Korea wurde seine Arbeit „Human Bowl Faces“ aus 4'206 Arbeiten von 2'019 Künstlern aus 69 Ländern zum Gewinner des Hauptpreises erkoren. Seine „Humanen Schalengesichter“ visualisieren ein Thema, das Philippe Barde seit längerem beschäftigt: die Schönheit in der Asymmetrie. Schönheit ist für ihn mitunter auch das Gegenteil von Langeweile. Asymmetrische Formen wirken in der Regel ausdrucksstärker, dynamischer, spannender als symmetrische. Zur Herstellung einer asymmetrischen Skulptur ist aber ein ausgeprägtes Formgefühl vonnöten, da die innere Balance gewahrt werden muss, damit die Form nicht „kippt“. Seine zweigesichtigen Schalen stellte er in Beziehung zu den zwei Hälften eines menschlichen Gesichtes. Bei der Untersuchung zahlreicher Gesichter hatte er herausgefunden, dass die rechten Konturen ausgeglichener sind als die linken.

Ausgangspunkt dieser Untersuchungen war eine Geschichte, die Philippe Barde zugefallen und zu schön ist, um sie nicht zu wiederholen. Eines der zentralen Themen seiner künstlerischen Auseinandersetzung ist die Frage nach dem Ursprung der von Menschen hergestellten Formen. Letztlich lassen sich diese auf ein paar wenige Grundformen zurückverfolgen oder wie der von Philippe Barde verehrte Wegbereiter der modernen Keramik Paul Bonifas (1893-1967) bezüglich seiner Formuntersuchungen bemerkte: Tout different, tout pareil. Lange fragte sich der Künstler, warum uns chinesische Schalen derart schön erscheinen. Und dann sah er, wie eine Chinesin sich über eine solche Schale neigte und wie perfekt die Konturen ihres Gesichtes denjenigen der Schale entsprachen. Direkt darauf bezieht sich seine Arbeit „Bone China“, wo Philippe Barde zarte Zeichnungen eines Gesichtes auf einer Glasscheibe mit einer hart gebrannten Schädelschale hinterlegt. Je nach Lichteinfall lässt er so assoziationsreiche flüchtige Menschenbilder erstehen.

Philippe Barde beschäftigt sich bevorzugt mit dem Naheliegenden. Da ihn Transformation durch Reduktion fasziniert, findet er auch, dass Keramikkünstler alles, was sie brauchen, im eigenen Atelier finden können. Ihm geht es um die kleinen Unterschiede der Form, die das Auge des Betrachters irritieren und damit dazu bringen, über seine persönliche Wahrnehmung und deren Hervorbringungen nachzusinnen. Er arbeitet mit einem ganz klaren Konzept der minimalen Formveränderung, welche er durch Beschneidungen und Verschiebungen der Gussformen vornimmt. Scheinbar diametral dieser Klarheit gegenüber steht die Ungewissheit des gebrannten Resultates. Die Freude an der Überraschung, d.h. am Einbruch des Unerwarteten ist quasi Voraussetzung seines Berufes - natürlich der möglichst kontrollierten Überraschung und des vorbereiteten Zufalls.

Seine serielle Arbeit „Disparition“ handelt von dem, was während des Prozesses der Reduktion geschieht. Das Verschwinden bezieht sich auch auf das Verhältnis von der Urform, hier der Knospe des Bärenklaus, mit den durch fortlaufendes Besägen der Gussform entstehenden „Nachkommen“. Das Schwellende der Urform, der Knospe bleibt lange prominent erhalten und lässt bei den Einzelfiguren Assoziationen an männliche wie weibliche Elemente zu. Die Formvariationen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens liessen wohl auch abenteuerliche Gedankenspiele an Transgenität zu. Das formvergleichende Auge wird mit Vergnügen zum Erfinder und Interpreten.

Roswitha Schild