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Müller -B-

Ausstellung "Schauer", 2003
Ausstellung "Schauer", 2003
Ausstellung "Schauer", 2003
Ausstellung "Gelber Fluss", 2007

Werkzeugkisten / Toolboxes

2004, gebrannte keramische Erden

Ausstellung "Gelber Fluss", 2007

Kalter Kaffee

1990, Porzellan, gegossen, manipuliert

Ausstellung "Gelber Fluss", 2007

Erdarbeit

2004, Tonerden in Bewegung

Ausstellung "Gelber Fluss", 2007

Werkzeugkisten / Toolboxes

2004, gebrannte keramische Erden


„Schauer“ von Müller-B- im Kunstforum Kirchberg
3.Mai – 8.Juni 2003

Als ich Müller-B- bei meinem ersten Besuch in ihrem Haus in Zürich zum Kaffeekochen in die Küche folge, bleibt mein Blick bewundernd an der gekachelten Wand über der Küchenkombination haften: glasierte Kacheln aus rotbrennendem Ton, z.T. uni, z.T. mit stilisierten gelben Tierzeichnungen, mit leichter und sicherer Hand gesetzt. Da das Haus schon älter ist, frage ich Müller-B- ohne zu überlegen, ob diese Kacheln schon immer da waren. Müller-B- holt ziemlich weit aus, um mir klar zu machen, dass es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass eine Keramikerin ihre Kacheln selbst herstellt. Die Tassen, aus denen wir trinken hingegen sind industriell hergestelltes Porzellan (Bone China) aus dem Brockenhaus, wie Müller-B- sie ansammelt, um sie bei Gelegenheit in ihren keramischen Plastiken zu verarbeiten. Und im Spannungsfeld zwischen den von ihr selbst gefertigten Kacheln in traditionsbewusster Machart und im Ausland billig produzierter Massenware entspinnt sich unser Gespräch und die Themen, die Müller-B- umtreiben, ergeben sich ganz von selbst.

Müller-B- entschied sich ganz bewusst für das Medium Keramik, nachdem sie auch mit anderen Medien – vielversprechend auch in der Fotografie - gearbeitet hatte. Ihre Themen sind zutiefst mit dem Medium verbunden. Ton als Werkstoff begleitete den Menschen vom Moment an, als er lernte, mit Feuer umzugehen. Aus Ton liessen sich Ess-, Koch-, Vorrats- und Kultgefässe fertigen, Spiel- und Werkzeuge, auch Urnen. Mit Keramikprodukten ist der Mensch umgeben in Küche und Bad, ein zivilisiertes Leben ist ohne sie undenkbar. Ton steht für das Irdische. Er lässt sich leicht aus der Erde gewinnen. Er ist erdschwer und wiederspiegelt die jeweilige Bodenbeschaffenheit mittels seiner Farbe. Ton lässt sich roh mit blossen Händen nach Belieben verformen, ist er aber gebrannt, ist seine Form nicht mehr veränderbar: das Objekt ist dann gut oder schlecht, nützlich oder nutzlos, wird in Ehren gehalten oder zertrümmert.

Für Müller-B- ist die Welt der Keramik eine Metapher für die Welt als Ganzes. Aufgewachsen in einem traditionsreichen industriellen Keramikbetrieb in der Ostschweiz erlebte sie den Niedergang dieses Gewerbes in der Schweiz hautnah mit. Durch die Billigimporte aus dem Mittelmeerraum und dem Fernen Osten wurde solchen Betrieben die Lebensgrundlage entzogen. Da kein notwendiger Bedarf an Keramikern mehr besteht, lernen angehende Keramiker ihr Handwerk heute nicht mehr zünftig auf der Basis der überlieferten Tradition von der Pike auf – statt Röstiplatten sind heute wohl auch eher Sushiplättchen gefragt – sondern besuchen stattdessen Workshops für exotische Brenntechniken. Dass durch die billigen Importe ein traditionelles Handwerk verschwindet, ist jedoch nur das Eine, dass sich dadurch (und durch den jahreszeitunabhängigen Import von Esswaren) aber auch schleichend unser Verhältnis zum Akt des Essens verändert, hingegen das Andere. So zeitigt die Globalisierung auch am Mittagstisch ihre entwurzelnde Wirkung.

Alles hängt mit allem zusammen, und Müller-B- hat für solche Zusammenhänge ein besonders empfindliches Sensorium. In ihren Arbeiten will sie solche Zusammenhänge aufzeigen, um bei den Betrachtern ein Bewusstsein zu schaffen, das vielleicht zu einem allgemeinen Umdenken führt. Wie schon Joseph Beuys will sie mit ihrem Werk die Welt zum Guten verändern, will Zeugnis ablegen über das, was geschieht. Wäre dieses Feuer nicht, schiene es ihr sinnlos, der heutigen Überproduktion noch eigene Produkte anzufügen. Mit dieser Haltung steht sie dem Trend des Zeitgeistsurfens und des Oberflächenfetischismus diametral entgegen. Spätestens seit der Dokumenta 11 aber werden Künstlerinnen und Künstler, die in ihren Werken gesellschaftspolitische Anliegen thematisieren - nach den eher apolitischen 80er und 90er Jahren - von der Öffentlichkeit vermehrt als (wieder) aktuell zur Kenntnis genommen.

„Schauer“ nennt Müller-B- die Arbeit, die sie für das Kunstforum Kirchberg konzipierte. Der Ort sprach sie in vielerlei Hinsicht an. Kirchberg liegt in einem Gebiet, wo traditionelles Töpferhandwerk beheimatet war. Doch allfällige Erwartungen des Publikums in Richtung gepflegter Keramikkunst – obwohl Müller-B- ihr Metier meisterlich beherrscht, setzt sie ästhetische Mittel nach Kriterien der Zweckdienlichkeit nur sparsam ein - werden gleich beim Eingang der Ausstellung mit der aufgespannten roten Transparentfolie in Frage gestellt, indem Müller-B- die Besucherinnen und Besucher rot sehen lässt. Rot sieht oftmals auch Müller-B-, und so ist ein Wort, das sie im Gespräch mehrmals gebraucht „Colère“. „Koller“ oder „Knüller“ (fast eine Art alter ego denkt man an KMüller) erscheinen dann auch auf dem zentralen Tisch und dem Wäscheständer. „Koller“ oder „Knüller“ sind zerknüllte Zeitungsseiten, die in Porzellan oder Ton getaucht und anschliessend gebrannt wurden. In Analogie zu Bild- oder Tonträger sind es also eigentliche Informationsträger.

Die Rotsicht gibt aber auch Anlass zur Untersuchung, wie leicht sich Wahrnehmung durch Filter jedwelcher Art verändern lässt. Bedenkt man, dass die Vorbereitung der Ausstellung während des wegen der Infrarotkameras „grünen“ Irakkriegs erfolgte, können Verbindungen hierzu hergestellt werden. In diese Richtung zielen auch die beiden Wandarbeiten im viereckigen Bildformat rechts und links der Eingangstüre. Auf der einen ist in grüner Glasur „OK“ zu lesen, der wohl verbreitetste Ausdruck auf dem Erdball, das andere „Bild“ zeigt oben links eine – wiederum – üppiggrüne Fläche, die, gleichsam angezapft durch eine Röhre (oder Pipeline) etwas von ihrer Fülle in den rechten unteren Bildrand tropfen lässt. Es ist offensichtlich, dass hier kein Gleichgewicht herrscht, wobei es eigentlich zweitrangig ist, um welches Gut es sich hier handelt, das so ungleich verteilt ist. Gleichgewicht als solches hingegen ist für Müller-B- essenziell, daher der stabilisierende zweite Bindestrich in ihrem Namen.

Aus dem Rotbereich kommend betritt man rechts die im Boden noch sichtbaren Schienen, welche bei der Künstlerin diese Rauminstallation mitausgelöst hatten. Auf Schienen werden Menschen und Waren verschoben. Auf den Schienen steht ein reichlich mit „Knüllern“ beladener Wäscheständer. Die etwa handgrossen „Knüller“ sind hier aus weissem Porzellan (Erinnerung an Bone China) sowie beigem und braunrotem Ton gefertigt. Teils liegen sie in labilem Gleichgewicht auf den Wäscheleinen, teils hängen sie an dünnen Fäden zwischen Leine und Boden, teils liegen sie am Boden, mitunter zerbrochen vom Fall. Die Arbeit heisst etwas irritierend „Schauer“, also gleich wie die Ausstellung als Ganzes. „Schauer“ bezieht sich auf das Schauen an sich, als Zeugenschaft, vielleicht aber auch als Ausdruck der Ohnmacht derjenigen, die nur zuschauen, aber nicht bestimmen können. Dann können einem Schauer über den Rücken laufen – wenn man nicht schon zugedröhnt ist vom andauernden Medienschauer. Nicht verschwiegen werden aber soll, dass die grüne Glasur, die auch hier auf einigen „Knüllern“ Akzente setzt und sich wie ein grüner Faden durch die Ausstellung zieht, von der inzwischen geschlossenen Fabrik Schauer in Wien hergestellt worden war. Damit wird man von der inhaltlich-assoziativen Ebene wieder auf die materielle Ebene zurückgeworfen. Genau dieses Oszillieren zwischen der inhaltlichen und der materiellen Ebene macht die Vielschichtigkeit der Arbeiten von Müller-B- aus. Gleichzeitig lotet sie mit dieser Taktik die Möglichkeiten des Mediums Keramik aus, genau wie es zahlreiche Malerinnen und Maler seit dem vielzitierten Ende der Malerei mit ganz ähnlichen Strategien in ihrem Medium tun.

Die Schienen als Import-Export-Instrument führen weiter zu dem aus Glasplatten zusammengesetzten Tisch mit zehn inselartigen Tonsets, wiederum in bleigrüner Schauer-Glasur. Unweigerlich denkt man an die unzähligen Darstellungen gedeckter Tische in der Kunstgeschichte, von Abendmahlsdarstellungen über aufsehenerregende Fluxus-Aktionen bis Judy Chicagos „The Dinner Party“. Doch hier wird weder gegessen noch getrunken. Zwar findet man einige aus Porzellan hergestellte Bestecke, auch einige Werkzeuge von KeramikerInnen wie Modellierschlingen und Hölzchen, sinnigerweise wiederum aus Porzellan, vor allem aber hat es zahlreiche Schieber, wie sie Kleinkindern gern gegeben werden, um sich das Essen auf den Löffel zu schieben. Weil der Tisch sehr tief liegt und der Titel „Visa Gloria“ ebenfalls auf die Kinderwelt verweist, fühlt man sich fast hineinversetzt in einen Kindergeburtstag, wo fröhlich herumgeschoben wird(z.B. importierte“Knüller“ wie exotische Keramik oder Nahrungsmittel oder...), bis einer alles – oder aber auch nichts mehr – hat.

Geschoben werden darf auch in der Arbeit „Golf“: Schiebt man die braune Keramikscheibe über die sienafarbene, erscheint in dem grünumrandeten Loch der ersteren die „unterlegene“ im Fadenkreuz. Auf der oberen (erobernden?) wird die schauer-grüne Fehlstelle wieder mittels Schieber verschoben.

Ein Gegengewicht zu den Schiebereien bilden die „Fundamentalisten“, wie Müller-B- die drei Objekte scherzhaft nennt, die aus Gruppen ähnlicher, geschichteter, untereinander mit Silikon verbundener zweidimensionaler Gefäss-“Zeichnungen“ bestehen, einmal sind es Vorratsgefässe, einmal Töpfe (eigentlich Urnen). In hunderten von Jahren veränderte sich deren Form der Tradition folgend nur in Details. Sie formen das Kontinuum der „Geschichte“.

An der Wand dahinter hingegen breitet sich „Gedehntes“ aus. Die traditionelle Gefässform ist zerborsten, wird aber noch durch Silikon zusammengehalten, solange die Fuge nicht zu breit wird. Dies kann dahingehend gedeutet werden, dass traditionelles Handwerk und moderne Technik sich gegenseitig unterstützen können, solange sie sich nicht zuweit voneinander entfernen. Und sind nicht die Fugen der Bereich, wo der Kunstschaffende aus der Tradition heraus und diese aufbrechend Neues erschafft?

Zerbrochen ist auch die eine Schale im „Kurzfilm“ „Short Cut“, der auf bereits schiefer Ebene, angesichts des „Schauers“, abläuft. Blau- und silberfarben beginnend führt „Short Cut“ schicksalhaft von „Faim“ über das intakte Gefäss und Goldschauer zum zerbrochenen Gefäss und dem Homonym „Fin“. Wer „Faim“ zulässt, riskiert „Fin“ – Chinesen glauben traditionell an die Wirksamkeit von Homonymen.

An der Wand hinter „Short Cut“ erstrecken sich „WelteN“. In der Gefässform spiegelt sich bei Müller-B- das Bild der Welt. Zur Auswahl stehen mehr oder weniger verbaute und vergitterte „WelteN“. Ganz rechts aussen stimmt einen in „Paarung“ die Welt der sich fortzeugenden Hasen optimistisch, vielleicht im Sinne von Beuys gemeint als Lob der freien Kreativität und der fröhlichen Wissenschaften.

Dass die Rolle der Massenmedien in der Gesellschaft, in den „Knüllern“ oder „Kollern“ angedeutet, für Müller-B- ein wichtiges Thema ist, verdeutlicht die Arbeit „7.4.2003“. Ein Bündel Zeitungen, angehäuft in den vorangegangenen Tagen, wurden von Müller-B- in Ton gepackt und wie Max und Moritz im zweitletzten Streich am 7.4.2003 „gebacken“. Der 7. April 2003 war der 19. Tag des Irak-Krieges, und während an diesem Tag die Amerikaner berichteten, sie hätten verschiedene Paläste Saddam Husseins in Bagdad besetzt, behauptete der irakische Informationsminister Sahhaf – inzwischen in den U.S.A. eine Kultfigur! -gleichzeitig, kein Amerikaner sei in Bagdad, da sie von den Republikanischen Truppen abgeschlachtet würden. Dass man sich auch in Zeiten der medialen Überinformation nicht der Aufgabe entledigen kann, sich sein eigenes Bild zu machen, wird hier deutlich. Kunstschaffende aber haben die wunderbare Möglichkeit, solche Problemkreise kreativ zu verarbeiten – ganz im Sinne der fröhlichen Hasenwelt. Müller-B- verarbeitete die komplexen, widersprüchlichen und ängstigenden Informationen dieser Zeit im Ofen. Solche Aktionen schaffen Souveränität, indem sie die eigene Ohnmacht etwas lockern.

Der Kreis schliesst sich mit den „Multi-Multiples“: In traditioneller Töpfermanier in Kleinserie hergestellte umgedrehte Tassen auf Untertassen, sozusagen Tassen in Wartestellung, eingestellt in Mugs mit niedlichen Tiermotiven, welche die Benutzerin oder den Benutzer wohl emotional ansprechen sollten. Auf engem Raum prallen hier – wie in Müller-B-‘s Küche - zwei Welten aufeinander: die einzeln mit dem Tonlöffel gezeichneten, „unbrauchbaren“ Tassen von Müller-B- und die in Fernost massenweise hergestellten Mugs (das sind die Becher mit Henkel ohne Untertasse, die aus den U.S.A. kommend die hiesigen traditionellen Tassen mit Untertasse langsam verdrängen). Mugs sind zum Trinken im Stehen geeignet und hier, das Preisschild liess die Künstlerin stehen, für weniger als drei Franken zu kaufen.

2.5.2003, Roswitha Schild